Skip to main content
PP-10-2026_Pessimismus_Header

Defensiver Pessimismus

Warum positives Denken nicht immer die beste Strategie ist

 

Hattest du auch schon einmal pessimistische Gedanken? Dir ausgemalt, was alles schiefgehen könnte?

Und bist du damit am Ende vielleicht sogar besser gefahren – gerade weil du vorher mit Problemen gerechnet hast?

Müssen wir also wirklich immer positiv denken?

Psychologische Forschung zeigt: Der „neue“ Pessimismus kann durchaus hilfreich sein.

Entscheidend ist allerdings, was nach dem pessimistischen Gedanken passiert.

Was ist der „neue“ Pessimismus?

Überall liest man von positivem Denken und davon, dass positives Denken das Leben und vielleicht sogar die Ergebnisse, also den Ausgang einer Situation, positiv beeinflussen kann. Zudem wirkt positives Denken natürlich auch förderlich auf unseren Körper, auf unsere Zellen und damit auf unsere Gesundheit.

Allerdings gibt es immer wieder Menschen, die sich das Worst-Case-Szenario vorstellen und damit sehr gut fahren. Selbst wenn sie eine ähnliche Situation in der Vergangenheit erfolgreich bewältigt haben, machen sie sich Gedanken darüber, was schlimmstenfalls passieren kann.

Das klingt zunächst wenig hilfreich. Der entscheidende Unterschied zu reinem negativem Denken und zum Pessimisten ist jedoch: Während der Pessimist sich über das negative Ergebnis Gedanken macht, in Handlungslosigkeit verharrt und denkt: „Dann brauche ich erst gar nicht anzufangen“, gehen Menschen, die den sogenannten defensiven Pessimismus anwenden, einen ganzen Schritt weiter und letztendlich in die Handlung.

Vor einer wichtigen Präsentation würden beispielsweise beide denken: „Was ist, wenn ich den Faden verliere?“ oder „Was ist, wenn eine kritische Frage kommt?“

Während der reine Pessimist demotiviert bleibt und vielleicht sogar die Präsentation absagt oder sie auf jeden Fall in den Sand setzt, geht der defensive Pessimist weiter. Er bereitet sich genau auf diese Situationen vor, damit er beim Eintreten der Situation eine Lösung parat hat, um dann wieder optimistisch nach vorne zu blicken.

➱ Aus der Sorge wird eine konkrete Handlung.

Forschung zum defensiven Pessimismus zeigt, dass diese Strategie bei manchen Menschen dazu beitragen kann, vorhandene Ängste in Vorbereitung und Anstrengung umzuwandeln. Ihnen einfach zu sagen, sie sollten positiver denken, muss deshalb nicht automatisch hilfreich sein.

Braucht jeder diese Denkstrategie?

Aus unserer langjährigen praktischen Erfahrung wissen wir: Nicht jeder braucht die gleiche Strategie.

Es gibt Menschen, die bessere Resultate erzielen, wenn sie mögliche Schwierigkeiten vorher sehr genau durchdenken. Sie fühlen sich sicherer, wenn sie Risiken kennen, verschiedene Szenarien durchgespielt haben und wissen, wie sie reagieren können.

Andere Menschen profitieren dagegen deutlich stärker von einer positiven Grundeinstellung. Zu viele Gedanken darüber, was alles schiefgehen könnte, würden sie eher verunsichern, Energie kosten oder davon abhalten, ins Handeln zu kommen.

Beides ist in Ordnung.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: „Sollte ich positiv oder pessimistisch denken?“, sondern:

„Welche Art zu denken hilft mir, gute Entscheidungen zu treffen und wirksam zu handeln?“

Wann ist defensiver Pessimismus hilfreich?

Defensiver Pessimismus kann hilfreich sein, wenn aus einem möglichen Problem eine konkrete Vorbereitung entsteht.

Zum Beispiel:

Was könnte schiefgehen?
Ich könnte während des Gesprächs wichtige Punkte vergessen.

Was kann ich tun?
Ich schreibe mir vorher drei Kernpunkte auf.

Und wenn es tatsächlich passiert?
Ich nehme mir einen Moment Zeit und schaue auf meine Notizen.

Aus einem diffusen „Was ist, wenn …?“ wird dadurch ein konkretes: „Wenn es passiert, weiß ich, was ich tun kann.“

Problematisch wird negatives Denken dagegen, wenn es nicht zur Vorbereitung, sondern zur Vermeidung führt: „Das klappt sowieso nicht.“ oder „Das kann ich nicht.“

Dann verliert der Pessimismus seine hilfreiche Funktion.

Fazit: Nicht positiv oder negativ – sondern hilfreich

Wir müssen nicht jeden negativen Gedanken sofort durch einen positiven ersetzen. Menschen sind unterschiedlich. Deshalb darf auch die Strategie unterschiedlich sein.

Die wichtigste Frage ist daher: Hilft mir meine Art zu denken dabei, ins Handeln zu kommen – oder hält sie mich davon ab?

 

Wir hoffen, dass dir dieser Artikel gefallen hat. Du darfst ihn gern mit Freundinnen und Freunden teilen.

Fragen oder Rückmeldung? Schreibe uns an hallo@shp-potential.de.

Mit den besten Wünschen für dich,

❤️-lichst

Tina und das gesamte SHP Team

Norem, J. K., & Cantor, N. (1986). Defensive pessimism: Harnessing anxiety as motivation. Journal of Personality and Social Psychology, 51(6), 1208–1217. https://doi.org/10.1037/0022-3514.51.6.1208

Norem, J. K., & Illingworth, K. S. S. (1993). Strategy-dependent effects of reflecting on self and tasks: Some implications of optimism and defensive pessimism. Journal of Personality and Social Psychology, 65(4), 822–835. https://doi.org/10.1037/0022-3514.65.4.822

Scheier, M. F., & Carver, C. S. (1985). Optimism, coping, and health: Assessment and implications of generalized outcome expectancies. Health Psychology, 4(3), 219–247. https://doi.org/10.1037/0278-6133.4.3.219